Michel Mettler: Lichterlöschen
Lichterlöschen
(p. 293 – 306)

Zooverhältnisse: Der Schriftsteller als Luxustier

Michel Mettler

Lichterlöschen
Epilog

PDF, 14 pages

Ein Schriftsteller, der ab und zu in der Zeitung einen Aufsatz publiziert, wird von seinen Auftraggebern zunehmend auf die (mangelnde) Verständlichkeit seiner Texte verwiesen und dabei in einschneidender Weise mit dem realen Phantom des »durchschnittlichen Zeitungslesers« konfrontiert. Immer dringlicher stellen sich ihm Fragen nach der Zumutbarkeit seiner künstlerischen Ambition, nach Verhältnissen der Wildheit und Zähmung im Kulturbetrieb sowie nach den Lichtverhältnissen in den Köpfen aller Beteiligten.

Wer als Schriftsteller in der erfreulichen Lage ist, dann und wann für eine der konzerngestützten auflagestarken Zeitungen zu schreiben, dem begegnet als Gegenspieler seiner künstlerischen Freiheit wiederholt das Phantom des durchschnittlichen Zeitungslesers. Diese archetypische Figur taucht weniger in persona als symbolisch auf. Von der Redaktion wird sie als statistische Größe ins Feld geführt, um dem Schriftsteller klarzumachen, dass seine Schreibweise elitär, also mehrheitsunfähig und damit nicht konzerndienlich sei. Der Standardsatz in diesem Zusammen­hang lautet: »Der durchschnitt­liche Leser unserer Zeitung versteht diesen und jenen Satz nicht.« Ein wohlmeinender Redakteur gibt dem Schriftsteller – seinem Schriftsteller, dessen er sich an­nimmt – zu verstehen, dass er zu viel Bildung voraussetze in seinem Schreiben. Vor dem Hin­tergrund der prekären Wirtschaftslage des Medienwesens seien aber nicht nur seine Beiträge, sondern sei die Zeitung selbst als Printausgabe ein Luxusprojekt, für das man den Konzernlenkern dankbar sein müsse. Nur dem Goodwill einiger bildungsbeflissener Redaktionsmitglieder sei es übrigens zu danken, dass er, der Schriftsteller, noch dann und wann im Blatt figuriere. Eigent­lich, so hört er bisweilen, halte man nur aus Nostalgie an seinen Beiträgen fest. Auf der Redak­tion sehnten sich gewisse Mitarbeiter in jene Zeit zurück, als Texte, wie er sie schreibe, noch großflächig in Zeitungen erschienen seien. Darum fänden sie seine Schriftstellerexistenz schüt­zenswert: Die künstlerische Autonomie seines freien Schaffens, selbst wenn sie nur noch ein Hirngespinst sei, müsse als etwas Erhaltungswürdiges betrachtet werden, genauso wie das Ori­ginal Toggenburger Holzhaus mit seinen handgeschnitzten Fassaden. So gesehen sei er nicht einfach ›ein‹ Schriftsteller, sondern ihr Schriftsteller, dessen Werk sie sich zu eigen machten, mit dem Enthusiasmus ebenso wie der Sorge der Anwaltschaftlichkeit.


Das Luxustier


Bei aller Lust, weiterhin für Tageszeitungen zu schreiben, zuckt unser Schriftsteller instinktiv zusammen, wann immer der Begriff des durchschnittlichen Tageszeitungslesers fällt. Beim Mutmaßen über diese Figur, eigentlich Denkfigur, welche die Redaktionen gern als Drohgespenst bemühen, um den stilistischen Freiheitsdrang seines freien Schriftstellertums zu zügeln, fühlt er sich wie ein Zoobewohner, dessen Halter am Hungertuch nagen. Doch wer bildet eigentlich die­ses diffuse Gremium, in dem er seine Halter vermutet? Es sind ja keineswegs die Zeitungsleute allein, es sind auch Buchhändlerinnen, in deren Augen ein verklärter Glanz tritt, wann immer sein Name fällt (und eine bekümmerte Miene, wenn seine Verkaufszahlen ruchbar werden). Es sind Funktionäre sonder Zahl, die seine Manuskripte bezuschussen und ihm Stipendien zuspre­chen. Es sind Veranstalter, die sich ermannen, ihn zu buchen, obgleich die Auflagenmillionäre mehr Publikum brächten. Sie alle fördern ihn und ärgern sich mit der stillen Selbstsicherheit...

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Ruedi Widmer (éd.): Laienherrschaft

Ruedi Widmer (éd.)

Laienherrschaft
18 Exkurse zum Verhältnis von Künsten und Medien

broché, 320 pages

Inkl. Mit Zeichnungen von Yves Netzhammer

PDF, 320 pages

Die vielfach geforderte Freiheit des Einzelnen, Kunst nach eigenem Gutdünken zu rezipieren, zu genießen, aber auch zu produzieren und damit zu definieren, ist heute weithin Realität geworden. Wir leben im Zeitalter der Laienherrschaft in den Künsten und den mit ihnen verbundenen Medien: einem Regime, das auf der Dynamik der Massen-Individualisierung und dem Kontrollverlust etablierter Autoritäten beruht, in dem jede Geltung relativ ist und die Demokratisierung in ihrer ganzen Ambivalenz zum Tragen kommt.

Die Essays und Interviews des Bandes kreisen um die Figur des Kulturpublizisten. Wie wirken Ökonomisierung und Digitalisierung auf sein Selbstverständnis ein? Wie sieht es mit der gegenwärtigen Rollenverteilung zwischen Publizist und Künstler aus? Wie verhält sich der Publizist gegenüber dem immer eigenmächtiger auftretenden Rezipienten? Der zeitgenössische Kulturpublizist tritt als Diskursproduzent und als Weitererzähler flüchtiger Wahrnehmung auf; doch auch als Interpret, der als Leser und in diesem Sinne als »Laie« seine Stimme entwickelt – jenseits aller Reinheits- und Absicherungsgebote, die etwa die Wissenschaft aufstellt. Eine Kultur des Interpretierens als eine von der Laienperspektive her gedachte Kultur der Subjektivität, der Aufmerksamkeit, der Sprache und der Auseinandersetzung mit den Künsten ist in Zeiten der Digitalisierung eine unschätzbar wertvolle, omnipräsente und zugleich bedrohte Ressource.

Mit Zeichnungen von Yves Netzhammer.

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